Vier Jahrtausende zwischen Messer, Feuer, Pflanzen und moderner Onkologie

Hands of two apothecaries with scrolls, jars, and metal tools preparing herbal medicine

Krebs ist keine moderne Krankheit – Die Krankheit ist alt – die Dimension ist neu

Krebs ist keine Erfindung der Moderne. Er ist nicht erst mit Fabrikrauch, Plastik, Pestiziden, hochverarbeiteten Lebensmitteln oder den Belastungen des 20. Jahrhunderts entstanden. All diese Faktoren können das heutige Krebsrisiko mitprägen, doch die Krankheit selbst ist viel älter. Krebs wurde in antiken medizinischen Texten beschrieben, in menschlichen Überresten gefunden und von Ärzten, Heilkundigen und Chirurgen behandelt, lange bevor es Labore, Onkologieabteilungen oder Chemotherapie gab. Die ältesten schriftlichen Beschreibungen reichen bis zum Edwin-Smith-Papyrus zurück; auch paläopathologische Untersuchungen zeigen, dass Tumorerkrankungen in der Antike real vorhanden waren.

Neu ist vor allem die heutige Größe des Problems. Die WHO meldete für 2022 rund 20 Millionen neue Krebsfälle weltweit und erwartet bis 2050 mehr als 35 Millionen neue Fälle pro Jahr. Dieser Anstieg hängt stark mit Bevölkerungswachstum, Alterung und veränderten Risikofaktoren wie Tabak, Alkohol, Adipositas und Luftverschmutzung zusammen.

Diese Geschichte ist deshalb kein romantischer Blick zurück. Sie ist auch kein Angriff auf moderne Medizin. Sie ist eher ein Gang durch einen alten Wald: Manche Wege enden im Dickicht. Manche Pflanzen sind giftig. Manche Beobachtungen waren erstaunlich klar. Und manches, was heute in der integrativen Onkologie wieder diskutiert wird, hat tiefe historische Wurzeln.

Ampellogik: Orientierung im Nebel

AmpelEinordnung
🟢Gut belegte historische oder medizinische Punkte: Krebs gab es in der Antike; Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie, Immuntherapie und einzelne Naturstoffe haben belegte Rollen in der modernen Onkologie.
🟡Vielversprechende, aber individuell und wissenschaftlich vorsichtig zu prüfende Ansätze: Misteltherapie zur Lebensqualität, Hyperthermie als ergänzende Methode, Fasten- oder Fasten-imitierende Diäten während Therapie, TCM- oder Ayurveda-inspirierte Begleitkonzepte.
🔴Riskante oder unbewiesene Wege: Blutwurz/Black Salve, Essiac oder Hoxsey als Krebsheilmittel, eigenmächtiges Absetzen schulmedizinischer Therapien, innere Anwendung toxischer Pflanzen oder Mineralien, Heilversprechen ohne belastbare Studien.

Die ältesten Spuren: Ägypten, Indien, China, Griechenland

Ägypten: Der erste nüchterne Satz über Krebs

Der Edwin-Smith-Papyrus, meist auf etwa 1600 v. Chr. datiert und wahrscheinlich auf ältere Vorlagen zurückgehend, enthält eine der frühesten bekannten Beschreibungen von Brusttumoren. Besonders bemerkenswert ist nicht nur die Beschreibung, sondern die nüchterne therapeutische Grenze: Für bestimmte Tumoren wird festgehalten, dass es keine Behandlung gebe. In diesem Satz liegt eine medizinische Würde, die bis heute wichtig bleibt: Nicht alles, was erkannt wird, kann geheilt werden. Nicht jede Krankheit lässt sich mit Gewalt bezwingen.

Die ägyptische Medizin erklärte Krankheit anders als wir. Sie dachte in Kanälen, Flüssen und Blockaden im Körper. Das klingt aus heutiger Sicht fremd. Und doch war die praktische Reaktion auf sichtbare Tumoren oft erstaunlich direkt: entfernen, ausbrennen, zerstören, wo es erreichbar war. Die Theorie war nicht molekular richtig. Die Beobachtung, dass ein lokaler Tumor manchmal lokal behandelt werden muss, war trotzdem real.

Indien: Sushruta und das frühe chirurgische Denken

In der ayurvedischen Tradition finden sich Begriffe wie arbuda und granthi, die in modernen Übersetzungen häufig mit tief sitzenden oder oberflächlicheren tumorartigen Veränderungen in Verbindung gebracht werden. Man sollte diese Begriffe nicht eins zu eins mit heutigen Krebsdiagnosen gleichsetzen. Aber sie zeigen, dass tastbare, wachsende, hartnäckige Gewebeveränderungen sehr früh systematisch beschrieben wurden. Moderne Übersichtsarbeiten betonen, dass Ayurveda und heutige Onkologie unterschiedliche Denkmodelle nutzen, aber dass gerade bei historischen Tumorbeschreibungen Berührungspunkte bestehen.

Sushruta, der große chirurgische Name der indischen Medizingeschichte, beschrieb Operationen, Instrumente und Wundbehandlung mit einer Genauigkeit, die noch heute beeindruckt. Die alte Idee, einen Tumor nicht nur knapp, sondern mit gesundem Rand zu entfernen, erinnert an ein Prinzip, das in der modernen chirurgischen Onkologie weiterhin zentral ist: Es geht nicht nur darum, das Sichtbare zu entfernen, sondern auch das Unsichtbare am Rand mitzudenken.

China: Der Körper als Landschaft

Die chinesische Medizin verstand Krebs nicht als genetische Erkrankung, sondern als Störung von Qi, Blut, Schleim, Stagnation und Schwäche. Auch hier gilt: Diese Begriffe sind keine biomedizinischen Messgrößen. Doch das dahinterliegende Bild ist interessant. Der Körper wurde nicht als isolierter Tumor betrachtet, sondern als Landschaft: Ströme, Stauungen, Hitze, Kälte, Schwäche, Überschuss.

Heute gibt es zahlreiche klinische und präklinische Untersuchungen zu traditioneller chinesischer Medizin in der Krebsbegleitung. Eine große Analyse kontrollierter chinesischer Studien kam zu dem Schluss, dass viel Forschung existiert, die Berichtsqualität aber verbessert werden muss und künftige Studien stärker auf Überleben, Rückfall, Metastasen und Lebensqualität achten sollten.

Ein Beispiel für eine vorsichtig einzuordnende Brücke ist Astragalus. Die Pflanze wird traditionell als stärkendes Mittel verwendet; Memorial Sloan Kettering beschreibt immunbezogene und fatiguebezogene Nutzungsfelder, weist aber auch auf mögliche Wechselwirkungen hin.

Griechenland und Rom: Der Krebs bekommt seinen Namen

Hippokrates verwendete Begriffe wie karkinos und karkinoma, weil manche Tumoren mit ihren Ausläufern an einen Krebs erinnerten. Später wurde daraus das lateinische cancer. Die hippokratische und galenische Medizin erklärte Krebs über die Säftelehre, besonders über „schwarze Galle“. Diese Erklärung ist aus heutiger Sicht falsch. Doch auch hier finden sich Beobachtungen, die klinisch nicht bedeutungslos waren: tiefe Tumoren waren gefährlich, aggressive Eingriffe konnten Patienten schneller schwächen, und Lebensordnung – Ernährung, Ruhe, Bewegung, Ausscheidung, seelische Stabilität – galt als Teil der Behandlung.

Die alte Medizin war also nicht einfach „dumm“. Sie war oft theoretisch falsch, aber beobachtend. Sie stand am Flussufer, ohne die Strömungsphysik zu kennen, und bemerkte trotzdem, wo das Wasser gefährlich wurde.

Pflanzenmedizin: Zwischen Arzneischatz und Gefahr

Hands crushing herbs in a mortar with various bowls of herbs and scroll on a rustic table
An ancient herbalist prepares remedies using herbs and mortar in a rustic setting

Naturstoffe wurden zu modernen Krebsmedikamenten

Ein wichtiger Punkt muss klar gesagt werden: Viele moderne Krebsmedikamente haben natürliche Ursprünge oder wurden aus Naturstoffen weiterentwickelt. Das bedeutet nicht, dass jede Pflanze gegen Krebs hilft. Es bedeutet nur, dass die Natur ein gewaltiges chemisches Archiv ist.

Paclitaxel, bekannt als Taxol, wurde im Rahmen eines NCI-Programms aus der Pazifischen Eibe entdeckt und später zu einem bedeutenden Chemotherapeutikum entwickelt. Etoposid ist ein halbsynthetisches Derivat von Podophyllotoxin, einem Stoff aus Podophyllum-Arten, und hemmt Topoisomerase II. Arseniktrioxid wiederum ist heute ein zugelassenes Medikament bei akuter Promyelozytenleukämie mit PML::RARA-Veränderung.

Das ist eine starke Lehre: Eine Substanz kann traditionell, giftig, pflanzlich oder mineralisch sein – und trotzdem erst durch Dosierung, Prüfung, Indikation und Kontrolle zu Medizin werden.

Mistel: nicht Wunderheilung, aber ernstzunehmende Begleitforschung

Die europäische Misteltherapie wird seit Langem in der anthroposophischen und integrativen Krebsbegleitung genutzt. Die Datenlage ist gemischt. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2020 fand Hinweise auf Verbesserungen in Bereichen der Lebensqualität, betonte aber zugleich ein hohes Verzerrungsrisiko vieler Studien. Das NCI schreibt ebenfalls, dass Berichte über Lebensqualität oder Überleben häufig sind, viele Studien aber methodische Schwächen haben.

Die faire Ampel dafür ist 🟡: als mögliche begleitende Maßnahme unter fachlicher Begleitung diskutierbar, nicht als Ersatz für wirksame Krebstherapie und nicht als gesichertes Heilmittel.

Kurkuma, Curcumin und die Grenze zwischen Labor und Mensch

Curcumin ist präklinisch intensiv untersucht. Es beeinflusst in Zell- und Tiermodellen Signalwege, die auch für Entzündung, Zellwachstum und Zelltod relevant sind. Aber Curcumin hat ein bekanntes Problem: schlechte Bioverfügbarkeit. Aus einer Zellkulturwirkung folgt keine sichere klinische Krebswirkung im Menschen. Hier braucht es klare Sprache: interessant, aber nicht bewiesen als alleinige Krebstherapie.

Blutwurz, Black Salve und Escharotika: rote Ampel

Blutwurz enthält Sanguinarin, einen biologisch aktiven und gewebeschädigenden Stoff. Das macht ihn nicht automatisch zu einem sicheren Krebsheilmittel. Memorial Sloan Kettering schreibt klar, dass Bloodroot beim Menschen nicht als Krebsbehandlung nachgewiesen ist. Black Salve und ähnliche ätzende Pasten können gesunde und kranke Haut zerstören, Diagnosen verzögern und entstellende Schäden verursachen.

Hier steht die Ampel 🔴. Wer einen verdächtigen Hauttumor hat, braucht dermatologische Diagnostik, keine ätzende Selbstbehandlung.

Essiac und Hoxsey: Geschichte ja, Heilversprechen nein

Essiac ist historisch interessant, weil es zeigt, wie stark die Sehnsucht nach pflanzlichen Krebsformeln im 20. Jahrhundert war. Aber das NCI berichtet keine klare klinische Evidenz für eine Krebswirkung; Cancer Research UK schreibt ebenfalls, dass gut durchgeführte klinische Studien fehlen und keine ausreichende Evidenz für eine Anwendung als Krebstherapie besteht.

Ähnlich bei Hoxsey: Die Formel enthält Pflanzen mit einzelnen biologisch aktiven Inhaltsstoffen. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Gesamttherapie Krebs heilt. Memorial Sloan Kettering schreibt, dass keine wissenschaftliche Evidenz diese Anwendung unterstützt; auch die Dokumentation früherer Fälle war für belastbare Auswertungen unzureichend.

Die ehrliche Einordnung lautet: Historisch bedeutsam, wissenschaftlich nicht ausreichend belegt, als Ersatztherapie gefährlich.

Das Messer vor der Narkose: Mut, Schmerz und chirurgischer Fortschritt

Vor der modernen Anästhesie war Krebschirurgie ein Gang durch Feuer. Patienten waren wach. Operationen mussten schnell sein. Schmerz war nicht Nebenwirkung, sondern Mittelpunkt des Raumes. Erst die öffentliche Demonstration der Äthernarkose am Massachusetts General Hospital am 16. Oktober 1846 veränderte die Chirurgie grundlegend: Operationen konnten langsamer, präziser und menschlicher werden.

Doch Schmerzfreiheit allein reichte nicht. Ohne Antisepsis starben viele Patienten nach der Operation an Infektionen. Joseph Listers Einführung der antiseptischen Chirurgie mit Karbolsäure ab den 1860er-Jahren war deshalb ein zweiter großer Wendepunkt.

Die dritte Wurzel moderner Krebschirurgie war die Pathologie: Gewebe wurde nicht nur entfernt, sondern mikroskopisch verstanden. Erst dadurch konnte man Tumorarten, Ränder und Ausbreitung besser einordnen.

Halsted und die Lektion der radikalen Mastektomie

William Halsted entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts die radikale Mastektomie: Brust, Brustmuskeln und Achsellymphknoten wurden in einem großen Eingriff entfernt. Dahinter stand ein Modell: Krebs breite sich geordnet lokal und dann über Lymphknoten aus; je radikaler man lokal entferne, desto besser müsse das Überleben sein.

Dieses Modell war einflussreich – aber nicht vollständig richtig. Randomisierte Studien zeigten später, dass weniger radikale Verfahren bei vielen Brustkrebspatientinnen keine schlechteren Überlebensraten erzeugten. Die NSABP-B-04- und B-06-Daten gehören zu den großen Wendepunkten weg von maximaler Verstümmelung hin zu wirksamer, aber schonenderer Behandlung.

Die Lehre ist tief: Mehr Behandlung ist nicht automatisch bessere Behandlung. Manchmal ist Medizin erst dann reif, wenn sie lernt, weniger zu tun.

Feuer, Strahlen, Fieber: Physikalische Wege gegen Tumoren

Hyperthermie: alte Intuition, moderne Technik

Hitze gegen Tumoren ist ein uraltes Motiv: Ausbrennen, Erhitzen, Kauterisieren. Heute ist Hyperthermie eine definierte medizinische Methode, bei der Gewebe gezielt erhitzt wird, um Krebszellen zu schädigen oder sie empfindlicher für Strahlen- und Chemotherapie zu machen. Das NCI beschreibt Hyperthermie als Behandlung, bei der Körpergewebe auf bis zu etwa 113 °F erhitzt wird, um Krebszellen zu schädigen oder abzutöten, möglichst mit begrenztem Schaden für Normalgewebe.

Auch hier gilt 🟡: Hyperthermie kann in bestimmten Zentren und Indikationen sinnvoll ergänzend geprüft werden. Sie ist keine einfache Selbstanwendung und kein Ersatz für onkologische Therapie.

Strahlentherapie: vom Wunderstrahl zur präzisen Säule

Wilhelm Röntgen entdeckte 1895 die X-Strahlen. Schon kurz danach wurde untersucht, ob diese Strahlen Tumoren behandeln könnten. Die frühen Jahre waren geprägt von Begeisterung und Schäden, weil Dosierung, Spätfolgen und Schutz kaum verstanden waren. Mit der Entdeckung des Radiums durch Marie und Pierre Curie 1898 entstand zusätzlich die Grundlage früher Brachytherapie.

Erst die Entwicklung von Dosisplanung, Fraktionierung und Strahlenbiologie machte aus gefährlicher Faszination eine kontrollierte Therapieform. Die moderne Strahlentherapie nutzt hohe Strahlendosen gezielt, um Krebszellen zu töten oder Tumoren zu verkleinern.

Coley und das Fieber: ein früher Schatten der Immuntherapie

William Coley beobachtete Ende des 19. Jahrhunderts Tumorrückbildungen nach fieberhaften Infektionen und entwickelte bakterielle Toxinmischungen, um eine Immunreaktion auszulösen. Seine Ergebnisse waren nicht nach heutigen Standards sauber kontrolliert, aber historisch bedeutsam. Viele Medizinhistoriker sehen in Coley einen frühen Pionier der Krebsimmuntherapie.

Die moderne Immuntherapie ist nicht einfach „Coley neu“. Aber sie greift denselben großen Gedanken auf: Der Körper ist nicht nur Schlachtfeld. Er kann auch Verbündeter sein.

Der Übergang zur modernen Onkologie: Chemotherapie und Industrialisierung

Die moderne Chemotherapie begann nicht in einem Kräutergarten, sondern im Schatten des Krieges. Stickstoff-Lost-Verbindungen wurden im Zweiten Weltkrieg im Kontext chemischer Kampfstoffe untersucht. 1942 wurde in Yale ein Patient mit fortgeschrittenem Lymphom mit Stickstofflost behandelt; die Behandlung zeigte Tumorrückgang, aber auch schwere Toxizität und spätere Resistenz.

Das war ein neuer therapeutischer Gedanke: nicht nur schneiden, brennen oder lokal bestrahlen, sondern systemisch in Zellteilung eingreifen. Daraus entstand eine ganze Ära. Manche Krebsarten wurden erstmals behandelbar oder heilbar. Gleichzeitig brachte diese Ära eine Medizin hervor, die teuer, technisch, institutionell und für Patienten oft körperlich schwer ist.

Eine faire Geschichte muss beides sagen: Chemotherapie hat Leben gerettet. Und sie hat den Blick der Medizin lange stark auf Tumorzerstörung verengt.

Was alte Medizin manchmal richtig sah

🟢 Der Tumor ist wichtig – aber nicht die ganze Landschaft

Moderne Onkologie versteht Krebs zunehmend als Zusammenspiel aus Tumorzelle, Immunsystem, Stoffwechsel, Entzündung, Hormonen, Mikrobiom, Gefäßen und Gewebeumgebung. Alte Medizinsysteme hatten keine Molekularbiologie, aber sie sahen den Körper oft als Terrain. Sie fragten nicht nur: „Wo ist der Knoten?“ Sie fragten auch: „In welchem Boden wächst er?“

Das ist kein Beweis für Doshas, Qi oder schwarze Galle als biologische Fakten. Es ist aber eine Erinnerung daran, dass ein Mensch mehr ist als ein Befund.

🟡 Ernährung und Fasten: vielversprechend, aber nicht harmlos

Fasten und Diätregulation tauchen in vielen historischen Traditionen auf. Heute wird untersucht, ob Fasten oder Fasten-imitierende Diäten Krebstherapien beeinflussen können. Die DIRECT-Studie bei Frauen mit frühem Brustkrebs deutete darauf hin, dass Zyklen einer fasting-mimicking diet während neoadjuvanter Chemotherapie sicher und potenziell nützlich sein könnten; die Autoren betonten aber, dass weitere Forschung nötig ist.

Das ist 🟡, nicht grün. Bei Krebs können Gewichtsverlust, Mangelernährung und Kachexie lebensgefährlich sein. Fasten gehört nur in ärztlich und ernährungsmedizinisch begleitete Konzepte.

🟡 Psyche, Stress und Immunsystem: wichtig, aber nicht schuldzuweisend

Chronischer Stress kann das Immunsystem schwächen. Das NCI beschreibt Zusammenhänge zwischen chronischem Stress, körperlicher Belastung und abgeschwächter Immunfunktion; zugleich ist die direkte Beziehung zwischen Stress und Krebsrisiko komplex.

Das darf niemals bedeuten: „Du hast Krebs bekommen, weil du falsch gedacht hast.“ Solche Sätze sind hart, unwahr und seelisch verletzend. Die bessere Sprache lautet: Ordnung, Schlaf, Beziehung, Sinn, Atem und Unterstützung können den Menschen stärken – nicht als Schuldmodell, sondern als Wurzelpflege.

Was moderne Medizin nicht vergessen sollte

Moderne Onkologie ist ein mächtiger Wasserfall: Chirurgie, Pathologie, Bestrahlung, Chemotherapie, Hormontherapie, zielgerichtete Medikamente, Immuntherapie, Präzisionsdiagnostik. Sie hat viele Leben verlängert und gerettet.

Aber jeder Wasserfall braucht ein Flussbett. Ohne Demut wird Wissenschaft hart. Ohne Kritik wird Tradition gefährlich. Ohne Quellenarbeit wird Hoffnung zur Ware.

Die Geschichte vor der Chemotherapie lehrt drei Dinge:

Erstens: Krebs ist alt. Er gehört zur Biologie vielzelliger Körper. Moderne Umweltfaktoren können das Risiko erhöhen, aber sie haben Krebs nicht erfunden.

Zweitens: Frühere Heilkundige waren nicht nur unwissend. Sie beobachteten. Sie operierten. Sie linderten. Sie irrten. Sie hatten Mut. Einige ihrer praktischen Einsichten – lokale Entfernung, Hitze, Pflanzenstoffe, Immunsystem, Ernährung, Lebensordnung – wurden später unter anderen Namen neu untersucht.

Drittens: Nicht alles Alte ist weise. Manche alte Mittel sind giftig. Manche Formeln sind unbewiesen. Manche Versprechen sind gefährlich. Natur ist nicht automatisch sanft. Auch der Wald enthält Dornen, Pilzgifte und Abgründe.

Eine klare, integrative Haltung

Eine reife Krebsmedizin braucht keine falsche Wahl zwischen Klinik und Natur. Sie braucht Brücken.

🟢 Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie, Immuntherapie und zielgerichtete Medikamente dort, wo sie nachweislich helfen.
🟡 Ergänzende Verfahren wie Bewegung, Ernährung, Psychoonkologie, Misteltherapie, Akupunktur, Hyperthermie oder Fastenprotokolle dort, wo Nutzen, Risiko und Wechselwirkungen fachlich geprüft werden.
🔴 Keine Heilversprechen. Keine toxischen Selbstexperimente. Keine Abwertung lebensrettender Therapien. Keine romantische Verwechslung von „natürlich“ mit „sicher“.

Die tiefere Wahrheit liegt nicht in einem Lager. Sie liegt im Zusammenführen: Messer und Mitgefühl. Labor und Lebensordnung. Studien und Stille. Tumorbiologie und Menschlichkeit.

Schluss: Vier Jahrtausende am Rand des Unbekannten

Die Geschichte von Krebs vor der Chemotherapie ist keine Geschichte bloßer Dunkelheit. Sie ist eine Geschichte von Menschen, die am Rand eines dunklen Wassers standen und versuchten, Tiefe zu lesen, ohne den Grund sehen zu können.

Der ägyptische Arzt, der schrieb, dass manche Tumoren keine Behandlung haben. Der ayurvedische Chirurg, der über vollständige Entfernung nachdachte. Der griechische Arzt, der vor zu aggressiven Eingriffen warnte. Die Kräuterkundigen, die Pflanzen beobachteten. Die Patienten, die sich vor Narkose und Antisepsis unter das Messer legten. Coley, der im Fieber eine Spur erkannte. Curie, Röntgen, Lister, Morton, Halsted, Fisher, Goodman, Gilman – alle Teil eines langen Flusses.

Nicht jede Spur führte ans Licht. Aber viele Spuren verdienen, ehrlich gelesen zu werden.

Krebs ist keine moderne Krankheit.
Modern ist unsere Fähigkeit, ihn zu sehen, zu messen, zu behandeln – und manchmal auch zu überschätzen, was Zerstörung allein leisten kann.

Vielleicht beginnt die nächste reife Onkologie dort, wo der alte Wald und das moderne Labor einander nicht mehr verachten. Sondern gemeinsam fragen:

Was zerstört den Tumor?
Was schützt den Menschen?
Was nährt die Wurzeln, während der Sturm geht?

Hinweis

Dieser Beitrag dient der Bildung und historischen Einordnung. Er ersetzt keine Diagnose, keine ärztliche Beratung und keine individuelle Krebstherapie. Wer an Krebs erkrankt ist oder ergänzende Verfahren nutzen möchte, sollte dies mit einem qualifizierten onkologischen Behandlungsteam besprechen, besonders wegen möglicher Wechselwirkungen mit Medikamenten, Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie.

Heiko Gärtner
Mentor für Krebspatienten
  • Presse: Über 450 Presseveröffentlichungen in Magazinen & Onlineportalen
  • Awards: Best Mentorship Program 2025 (Germany); Best Cancer App 2026 (Germany)
  • Website: https://heiko-gaertner.com

Wichtiger Gesundheitshinweis:
Die Angebote von Heiko Gärtner, Mentor für Krebspatienten, insbesondere im Rahmen von Waterfall Journey, Quelle des Lebens, Find your Flow und FlowSwitch, dienen ausschließlich der allgemeinen Information, Orientierung, Selbsterkenntnis und persönlichen Begleitung. Sie ersetzen keine ärztliche, psychotherapeutische oder heilpraktische Diagnose, Beratung oder Behandlung. Es werden keine Heilversprechen abgegeben und keine medizinischen Therapien empfohlen, durchgeführt oder ersetzt. Bitte stimme gesundheitliche Entscheidungen, insbesondere bei Krebs, Medikamenten, laufenden Behandlungen oder psychischen Beschwerden, immer mit qualifizierten medizinischen Fachpersonen ab. In Notfällen: 112, bei dringender medizinischer Hilfe außerhalb der Sprechzeiten: 116117.

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