Es gibt Themen, die sind kein leichter Waldspaziergang.
Sie sind eher ein Gang durch Nebel, über nassen Stein, mit dem Gefühl, dass unter den Füßen etwas nicht stimmt.
Genau so wirkt das Interview mit Lothar Hirneise.
Denn hier geht es nicht nur um Chemotherapie.
Es geht um viel mehr.
Es geht um Macht. Um Angst. Um Prognosen, die wie Urteile gesprochen werden. Um Patienten, die Halt suchen – und oft in einem System landen, das zwar hochgerüstet ist, aber nicht immer wirklich hinschaut.
Hirneise spricht im Interview so, wie viele sich nicht zu sprechen trauen: direkt, kompromisslos und mit dem Vorwurf, dass in der Onkologie zu oft nicht der Mensch, sondern das Protokoll regiert.

Wie alles begann
Sein Einstieg in das Thema Krebs war offenbar kein theoretischer.
Er berichtet, dass ihn der Tod eines Freundes in dieses Feld gezogen hat. Aus einer persönlichen Erschütterung wurde über Jahre eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, was Krebs wirklich ist – und ob das, was als Standard gilt, dem Menschen tatsächlich hilft.
Aus dieser Bewegung heraus entstanden seine jahrzehntelange Arbeit bei Krebs 21 und sein Engagement im 3E-Zentrum.
Schon hier wird klar: Hirneise spricht nicht aus der Distanz eines neutralen Beobachters. Er spricht aus Überzeugung. Und aus Konfrontation mit einem System, dem er in zentralen Punkten misstraut.
Sein Hauptvorwurf: Zerstörung wird mit Heilung verwechselt
Der Kern seiner Kritik ist scharf und einfach zugleich:
Nur weil ein Tumor kleiner wird, ist die Ursache nicht gelöst.
Für Hirneise ist genau das der Denkfehler der modernen Onkologie.
Er stellt die Frage, die aus seiner Sicht viel zu selten gestellt wird:
Warum hat dieser Mensch diesen Tumor? Warum jetzt? Warum dort?
Statt dieser Ursachensuche, so seine Sicht, konzentriere sich das System fast ausschließlich auf das Bekämpfen, Schneiden, Bestrahlen, Vergiften oder Blockieren. Der Tumor werde zum Feind erklärt – ohne zu verstehen, was der Körper womöglich überhaupt ausdrücken, puffern oder kompensieren wollte.
Das ist der radikale Kern seiner Perspektive:
Nicht jede Reaktion des Körpers ist sinnlos. Nicht jede Krankheit beginnt als bloßer Defekt. Manchmal ist sie zunächst ein Schutzmechanismus, der später selbst zur Gefahr wird.
Ein unbequemer Gedanke. Aber einer, der viele Menschen tief berührt, weil er den Menschen nicht als kaputte Maschine sieht, sondern als System mit Geschichte.
Die Geschichte der Chemotherapie – und das große Wegsehen
Hirneise zeichnet die Entstehung der Chemotherapie als historischen Irrweg nach, der aus seiner Sicht nie sauber auf solide Tumoren übertragen wurde. Er verweist auf ihre Ursprünge im Kontext toxischer Substanzen und früher Anwendungen bei Bluterkrankungen – und kritisiert, dass daraus später ein breiter Standard für ganz andere Krebsarten wurde.
Seine Aussage ist deutlich:
Bei vielen soliden Tumoren habe die Grundidee nie wirklich überzeugt, zumindest nicht so, wie sie der Öffentlichkeit verkauft wurde.
Er macht dabei einen Unterschied zwischen dem, was Zellen schädigen kann, und dem, was einem Menschen wirklich hilft.
Denn ja – Chemotherapie kann Zellen zerstören.
Aber nein – daraus folgt für ihn noch lange nicht, dass Heilung entsteht.
Wenn Worte krank machen: der Nocebo-Effekt
Besonders erschütternd ist seine Kritik an ärztlichen Prognosen.
Sätze wie
„Sie haben noch fünf Monate zu leben“
sind für Hirneise nicht bloß ungeschickte Kommunikation. Für ihn sind sie tiefe Übergriffe auf die seelische und körperliche Integrität eines Menschen.
Und ganz ehrlich: Viele Betroffene spüren intuitiv, wie gewaltig solche Worte sein können.
Ein Mensch in einer Krebsdiagnose steht oft ohnehin schon wie ein Baum im Sturm. Die Wurzeln zittern. Der Boden ist weich. Und dann kommt ein Satz, der wie eine Axt in den Stamm fährt.
Hirneise benennt das als Form von seelischer Verletzung – und macht deutlich, dass Worte nicht neutral sind. Sie können Hoffnung nehmen. Sie können innere Bilder erzeugen. Sie können den Körper schwächen, bevor irgendein Medikament überhaupt wirkt.

Chemotherapie als Gift – und der Körper als Überlebender
Im Interview beschreibt Hirneise Chemotherapie als massiven Giftangriff, gegen den der Körper auf allen Ebenen anzukämpfen versucht. Erbrechen, Durchfall, Hautreaktionen, Erschöpfung – das seien aus seiner Sicht keine „störenden Nebeneffekte“, sondern Zeichen eines Organismus, der verzweifelt versucht, sich zu schützen und auszuleiten.
Er betont vor allem diese Belastungen:
- Nervenschäden und Neuropathien
- Beeinträchtigungen von Herz und Fruchtbarkeit
- Veränderungen im Knochenmark
- Langzeitbelastungen, die aus seiner Sicht noch Monate später im Körper präsent sein können
Sein Bild ist drastisch, aber einleuchtend:
Wenn der Wald brennt, ist nicht nur ein kranker Ast betroffen. Das ganze Ökosystem leidet.
Resistenzen und das alte Muster: mehr davon, noch mehr davon
Hirneise spricht auch darüber, dass der Körper lernen kann, auf Chemotherapien zu reagieren. Aus seiner Sicht werden Menschen oft nach mehreren Zyklen zunehmend resistent – während die Belastung bleibt oder sogar steigt.
Sein Vorwurf:
Wenn etwas nicht ausreichend wirke, werde in der Onkologie häufig nicht grundsätzlich umgedacht, sondern einfach mehr kombiniert, mehr gemischt, mehr versucht.
Und genau hier setzt seine nächste Kritik an.
Antikörpertherapien: sanftere Fassade, neues Versuchsfeld?
Hirneise sieht die Zukunft der Onkologie nicht mehr allein in der klassischen Chemotherapie, sondern zunehmend in Antikörpertherapien. Doch Hoffnung klingt bei ihm auch hier kaum durch.
Seine Sicht: Die Nebenwirkungen seien oft geringer, ja. Aber die Erfolgsraten bewertet er insgesamt als enttäuschend. Viel schwerer wiegt für ihn, dass immer neue Kombinationen ausprobiert werden – Chemotherapie plus Antikörper, Antikörper plus Antikörper, Mischungen über Mischungen.
Der Patient werde dadurch aus seiner Sicht immer häufiger zum Träger eines großen Experiments.
Wie ein Boot, das nicht in ruhiges Wasser geführt wird, sondern in ein Strömungsfeld aus Interessen, Studien, Zulassungen und Marktlogiken.
Geld als unsichtbarer Dirigent
Der härteste Teil des Interviews liegt im Vorwurf, dass die Onkologie wirtschaftlich getrieben sei.
Dabei spart Hirneise die Ärzte nicht aus – aber er macht auch klar:
Ärzte werden nach seiner Auffassung genauso belogen wie Patienten.
Die eigentlichen Machtzentren sieht er in Pharmainteressen, Marktlogiken und einem Apparat, in dem Milliarden bewegt werden. Neue Präparate, neue Kombinationen, neue Hoffnungen – und ein Patient, der in seiner Angst oft gar nicht die Kraft hat, alles zu hinterfragen.
Genau das ist vielleicht der schmerzhafteste Gedanke des gesamten Gesprächs:
Nicht jeder, der behandelt wird, wird wirklich begleitet.
Nicht jeder, der aufgeklärt werden müsste, wird wirklich aufgeklärt.
Und nicht alles, was teuer ist, ist deshalb auch weise.
Was Hirneise Betroffenen rät
Seine Botschaft ist eindeutig:
- nicht blind vertrauen
- nachfragen
- Studien verlangen
- die genaue Zulassung prüfen
- nicht jedes „Wir haben da etwas Neues“ sofort mit Hoffnung verwechseln
- und vor allem: die Suche nach Ursachen nicht aufgeben
Er ruft dazu auf, nicht nur auf Medikamente zu schauen, sondern auf den ganzen Menschen. Auf Belastungen. Auf Stoffwechsel. Auf Lebensstil. Auf innere und äußere Konflikte. Auf das, was den Boden bereitet hat.
Denn wenn nur der sichtbare Rauch bekämpft wird, aber der Schwelbrand im Inneren weiterglimmt, dann ist der Wald nicht gerettet.
Mein Fazit
Dieses Interview ist kein leichter Inhalt.
Es tröstet nicht. Es beruhigt nicht. Es passt nicht in die glatten Broschüren einer Leitlinienwelt.
Aber es wirft Fragen auf, die nicht vom Tisch gewischt werden dürfen.
Lothar Hirneise sagt im Kern:
Die Krebstherapie der Gegenwart schaut zu oft auf den Tumor – und zu selten auf den Menschen. Zu oft auf Zerstörung – und zu selten auf Verstehen. Zu oft auf Protokolle – und zu selten auf Ursachen.
Man muss nicht jede seiner Aussagen teilen, um zu spüren, dass hier ein wunde Stelle offengelegt wird.
Denn wo Angst herrscht, braucht es Wahrheit.
Wo Krankheit herrscht, braucht es Tiefe.
Und wo Menschen um ihr Leben ringen, darf niemals das Geld lauter sprechen als das Gewissen.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst zentrale Aussagen und Sichtweisen aus einem Interview mit Lothar Hirneise zusammen. Er dient der Einordnung und Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnostik oder Therapieentscheidung.
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