Melatonin & Krebs: Der „Nachtwächter“ gegen die Schutzräume der Tumorzelle – was am Hype wirklich dran ist
Manchmal gewinnt der Krebs nicht, weil er stärker ist – sondern weil er sich versteckt.
Wie ein Feind, der nicht offen kämpft, sondern sich in Nebelkammern zurückzieht: winzige, flüssige Schutzräume in der Zelle, in denen Wachstumssignale, Stressprogramme und Überlebensschalter enger zusammenrücken.
Genau diese Schutzräume nennt die Forschung biomolekulare Kondensate – gebildet durch Phase Separation. Und ein neues Preprint wirft eine provokante These in den Raum: Melatonin könnte ein „Landschafts-Regler“ sein, der diese Schutzräume destabilisiert.
Stell dir Krebszellen wie Städte im Nebel vor. Nicht nur „Zellen, die falsch teilen“, sondern ganze Mikro-Ökosysteme, die sich Schutzräume bauen: kleine, flüssige „Biophysik-Bunker“ (biomolekulare Kondensate durch Phase Separation). In diesen Räumen können Onkogene miteinander „kuscheln“, Signale schneller austauschen, Stress abpuffern – und Therapiedruck besser überstehen.
Genau hier setzt das neue bioRxiv-Preprint von Loh/Chuffa/Seiva/Reiter (Feb 2026) an: Die Autor:innen nennen Melatonin provokant eine „Sovereign Singularity“, also eine Art übergeordneter Regler, der diese Schutzräume biophysikalisch destabilisieren könnte. Wichtig: Preprint = nicht peer-reviewed. Trotzdem spannend – wenn man sauber einordnet.
Was behauptet das Preprint konkret?
Das Paper ist keine neue Tier- oder Humanstudie, sondern eine „Proof-of-Concept“-Synthese + Bioinformatik:
- Sie nehmen 121 Phase-Separation-Proteine (u.a. über PhaSepDB validiert) und schneiden sie mit 134 melatonin-modulierten Genen aus diversen Krebsmodellen.
- Daraus entsteht ein Kernnetzwerk von 26 Genen (u.a. MYC, TP53, EGFR, AR, BCL2, CTNNB1, YAP1/TAZ, VIM, EZH2 …).
- Hohe Aktivität dieses Netzwerks korreliert in TCGA-Daten mit schlechterem Überleben (u.a. Brust- und Magenkrebs).
- Die zentrale Hypothese: Melatonin wirkt nicht wie ein „einzelnes Target-Drug“, sondern wie ein Landschafts-Regler – über drei „Hebel“:
- Redox-Tuning (oxidativ/antioxidativ)
- Strukturelle Interkalation / multivalente „Plasticizer“-Wirkung (gegen Protein-„Klebrigkeit“)
- Dielektrisches Tuning (elektrostatische/solvationsbezogene Milieu-Änderung)
Übersetzt in ein Bild: Nicht „eine Tür aufschließen“, sondern den Wasserstand ändern, sodass die geheimen Kellergänge der Tumorzelle volllaufen und ihre Schutzräume instabil werden.
Warum ist das nicht völlig aus der Luft gegriffen?
Der Phase-Separation-Gedanke ist in der Biologie etabliert. Melatonin wird in der Literatur (auch von denselben Autor:innen) als Molekül beschrieben, das Membranen/Lipid Rafts stabilisiert, Peroxidation reduziert und so Milieus beeinflusst, die für Kondensate relevant sind.
Und das Circadian-Thema ist real: Die IARC bewertet Night-Shift-Work als „wahrscheinlich krebserregend“ (Group 2A) – Circadian Disruption als mechanistischer Kern. Das ist kein „esoterischer Nebel“, sondern offizieller Hazard-Befund.

Warum sehen manche Krebs-Studien „astonishing“ aus – und warum ist Vorsicht Pflicht?
1) Tierstudien sind oft „Dose-Extremwelten“
Ein oft zitiertes Mausmodell (Ehrlich Ascites Carcinoma) gab Melatonin in 50 und 100 mg/kg und sah deutlich kleinere Tumoren.
Das ist spannend – aber: Tierdosis ≠ Menschendosis, und i.p.-Gabe ist nicht „eine Kapsel abends“.
2) Klinische Daten: gemischt – je nachdem, was man misst
Es gibt ältere randomisierte Studien (z. B. Lissoni), in denen 20 mg Melatonin am Abend als Add-on zur Chemotherapie bessere Response/Überleben und weniger Nebenwirkungen zeigte.
Meta-Analysen aus dieser Literatur berichten teils deutliche Vorteile – gleichzeitig ist die Datenqualität und unabhängige Replikation der Knackpunkt.
Neuere Meta-Analysen, die Lebensqualität und Symptome bewerten, sind zurückhaltender: keine klaren Effekte auf QoL, Schlafqualität, Fatigue oder Schmerz – nur begrenzte Signale in einzelnen Endpunkten/Subgruppen.
Neuere systematische Reviews, die stärker QoL/Symptome fokussieren, sind nüchterner: In BMJ Open (2022) fand Melatonin keinen signifikanten Effekt auf QoL, Schlafqualität, Fatigue, Schmerz (nur begrenzte Effekte z. B. Stomatitis-Rate/Depression in Subgruppen).
Kurz: „Astonishing“ entsteht oft, wenn man präklinische Hochdosis-Effekte + selektierte Endpunkte + ältere kleine RCTs in eine Story gießt. Das kann Hinweise liefern – ersetzt aber keine robuste, unabhängige, moderne Onkologie-Evidenz.

Wo steht Melatonin heute sinnvoll im Gesamtbild?
Wenn wir es wie einen Fluss betrachten, dann ist Melatonin eher:
A) Fundament: Rhythmus-Hygiene (kostenlos, unterschätzt)
- echte Dunkelheit nachts, morgens Licht
- Schlafdruck stabilisieren, Jetlag/Nachtschichten minimieren, Bildschirme abends dimmen
Das passt sogar zur IARC-Logik der Circadian Disruption.
B) Supportiv: Schlaf/Regeneration
Pharma-Referenz: Circadin 2 mg retard ist in der EU für Kurzzeitbehandlung primärer Insomnie ab 55 zugelassen (1–2 h vor dem Schlafen).
Das ist keine Krebsindikation – zeigt aber: Melatonin ist medizinisch „anschlussfähig“.
C) Onkologie-Add-on: spannend, aber Arzt-geführt
Die onkologischen RCTs und Meta-Analysen arbeiten häufig mit 20 mg abends als Add-on.
Das gehört – gerade bei austherapierten Menschen mit Polypharmazie – in ein sauber geführtes Setup (Interaktionen, Sedierung, Blutdruck, Tagesmüdigkeit, Immun-Setting).
Sicherheit: nicht dramatisieren – aber auch nicht naiv sein
Melatonin gilt insgesamt als gut verträglich; dennoch:
- Nicht-seriöse Nebenwirkungen (Kopfschmerz, Schwindel, Benommenheit, lebhafte Träume) sind real – und bei Langzeitgebrauch ist die Datenlage nicht überall „glasklar“.
- Es gibt Settings mit sehr hohen Dosen (40–200 mg) in älteren Patient:innen, in denen keine klinisch relevanten Nebenwirkungen beobachtet wurden – aber: nicht systematisch erfasst, selektive Population, kein Krebs-Endpunkt.
Praxiswarnlichter (typisch): Blutverdünner/Thrombozytenprobleme, sedierende Medikation, Blutdruckmedikamente, Immunsuppression/Autoimmunlage, Epilepsie-Themen – hier wird’s individuell.
Melatonin ist mehr als ein Schlafhormon. Es wirkt als starkes Redox-Molekül und beeinflusst Membranen – Faktoren, die für Phase Separation relevant sind. In Reviews wird beschrieben, dass Melatonin u. a. Membran-Domänen stabilisieren und so Milieus beeinflussen kann, in denen Kondensate entstehen oder zerfallen.
Einordnung des „Sovereign Singularity“-Narrativs (ehrlich & nutzbar)
Das Preprint ist wie ein wunderschönes Topographie-Bild: Es zeigt, wo die Landschaft weich ist (Kondensate, Redox, Solvation, Elektrostase) und warum ein Molekül wie Melatonin theoretisch gleich mehrere Achsen beeinflussen könnte.
Aber: Es ist (noch) keine klinische „Wunderwaffe“, sondern eine plausible Hypothesen-Brücke zwischen Biophysik und Onkologie. Der Wert liegt darin, bessere Fragen zu stellen:
- Welche Tumoren sind kondensat-getriebener (z. B. EMT/Hypoxie/Stressgranula)?
- Welche Therapien erzeugen Stressgranula/Redox-Shifts, die Kondensate stabilisieren – und könnte Melatonin dagegen „entkoppeln“?
- Welche Patient:innen sind circadian maximal „entgleist“ (Schlaf, Licht, Cortisol, Entzündung) – und profitieren daher besonders?
Was das neue Preprint zeigt
Die Autor:innen (Loh, Chuffa, Seiva, Reiter) haben keinen neuen „Wunderversuch“ am Menschen gemacht – sondern eine Proof-of-Concept-Synthese: Sie schneiden Gene aus der Phase-Separation-Welt mit Genen, die durch Melatonin in Krebsmodellen moduliert wurden. Ergebnis: Ein Kernnetzwerk von 26 Genen (u. a. MYC, TP53, EGFR, CTNNB1, YAP1/TAZ, VIM…), das zugleich „Kondensat-relevant“ und „melatonin-sensitiv“ ist.
Praxis-Impuls (integrativ gedacht)
- Die Nacht wieder zur Nacht machen (Dunkelheit, Routine, Licht morgens)
- Schlaf stabilisieren (hier ist Melatonin am stärksten belegt) – medizinisch gibt es z. B. 2 mg retard als Arznei (Circadin, Insomnie 55+).
- Onkologie-Add-on nur geführt (gerade bei Chemo/Immuntherapie/Blutwert-Themen): RCTs nutzen oft 20 mg abends, aber das gehört in ein sauberes Monitoring.
Mini-Disclaimer
Dieser Artikel ist Bildung, keine Therapieanweisung. Jede Supplement-Strategie bei Krebs gehört individuell geprüft – besonders bei Medikamenten, Blutbild, Leber, Schlafmitteln.
- Presse: Über 450 Presseveröffentlichungen in Magazinen & Onlineportalen
- Awards: Best Mentorship Program 2025 (Germany); Best Cancer App 2026 (Germany)
- Website: https://heiko-gaertner.com


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