Mebendazol ist ursprünglich kein „Krebsmedikament“, sondern ein Antiwurmmittel (Anthelminthikum), das seit Jahrzehnten gegen bestimmte Darmparasiten eingesetzt wird. In der Onkologie taucht es auf, weil es ein Beispiel für Drug Repurposing ist: ein altes, günstiges Medikament, das im Labor bei Tumorzellen interessante Effekte zeigt.
Stellen Sie sich Mebendazol bildlich als Sand im Getriebe der Zellteilung vor: Krebszellen sind wie Motoren, die ununterbrochen hochdrehen – und Mebendazol zielt in vielen Modellen auf Teile der „Antriebswelle“, die Zellen brauchen, um sich sauber zu teilen.

Was ist der vermutete Wirkmechanismus?
Der am besten belegte Kernmechanismus ist Störung der Mikrotubuli (Tubulin/Spindelapparat). Mikrotubuli sind wie Schienen, auf denen die Zelle während der Teilung ihr „Chromosomen-Gepäck“ verteilt. Wenn diese Schienen instabil werden, gerät die Teilung ins Schleudern; die Zelle kann in einen Zellzyklus-Stopp und schließlich in Zelltod-Programme laufen.
Darüber hinaus werden (je nach Modell) zusätzliche „Nebenangriffe“ diskutiert:
- Anti-Angiogenese: wie ein Abklemmen neuer Versorgungsleitungen (Signalwege/VEGF-Nähe) – Hinweise aus präklinischen Arbeiten und kleineren klinischen Kontexten.
- Signalweg-Effekte (z. B. Hedgehog) und weitere zelluläre Stressantworten – mechanistisch plausibel, aber stark kontextabhängig.
Was sagt die klinische Evidenz beim Menschen?
Hier ist die entscheidende Trennlinie: Labor/ Tiermodell ≠ klinischer Nutzen.
1) Fortgeschrittene solide Tumoren / GI-Tumoren (kleine Studien):
In einer Phase-2a-Studie bei fortgeschrittenem GI-Krebs war Mebendazol dosisangepasst gut verträglich, aber die Patientinnen und Patienten hatten rasche Progression; die Autoren betonen, dass neue Ansätze (z. B. bessere Wirkstoffformen oder Kombinationen) nötig wären.
2) Gliome / Glioblastom (Kombinationen):
Es gibt klinische Untersuchungen, die Mebendazol zusätzlich zu Standardmitteln (z. B. Temozolomid/Lomustin) evaluieren, u. a. in rezidiviertem Glioblastom. Die Datenlage ist insgesamt nicht so, dass man daraus heute eine verlässliche Standardempfehlung ableiten könnte; es bleibt ein Feld für Studien/Protokolle.
Bottom line: Mebendazol ist onkologisch experimentell (Off-Label außerhalb von Studien) und die bisherige Human-Evidenz ist gemischt bis enttäuschend, trotz interessanter präklinischer Mechanismen.
Warum gibt es trotzdem so viel „Hype“?

Weil die Geschichte verführerisch ist: ein altes, günstiges Medikament + Laborwirksamkeit + Einzelfallberichte. Das ist wie eine Landkarte, auf der einige Wege grün eingezeichnet sind – aber die Brücke im echten Gelände kann fehlen: Beim Menschen scheitert es oft an Bioverfügbarkeit, erreichbaren Wirkspiegeln im Tumor und an der Komplexität realer Tumorbiologie.
Sicherheit, Risiken und Wechselwirkungen (sehr wichtig)
Bei „Krebs-Off-Label“-Diskussionen geht es meist um höhere Dosen und längere Einnahme als bei Wurmerkrankungen – und genau dort steigen die Risiken:
- Blutbild-Risiken: selten, aber relevant: Neutropenie/Agranulozytose, v. a. bei höherer Dosis/längerer Dauer → Blutbildmonitoring wird in Labels ausdrücklich erwähnt.
- Leber: Transaminasenanstieg, selten Hepatitis, ebenfalls v. a. bei längerer/hochdosierter Anwendung.
- Schwere Hautreaktionen/Interaktionen: u. a. Warnhinweise zu Metronidazol + Mebendazol (ernste Hautreaktionen) finden sich in der Fachinformation.
- Interaktionen: Spiegel können durch Enzyminduktoren wie Carbamazepin/Phenytoin sinken; weitere Interaktionen sind möglich.
Wenn jemand Mebendazol „in Erwägung zieht“ – der medizinisch saubere Weg
Bildlich: Nicht allein im Nebel über eine wacklige Holzbrücke – sondern mit Geländer und Sicherungsseil.
- Primär: Studienoption prüfen (ClinicalTrials.gov/Uni-Zentren), weil dort Monitoring, Dosierung, Qualität und Kombinationen kontrolliert sind.
- Wenn Off-Label überhaupt Thema ist: nur mit Onkologie-Team, inklusive Baseline-Blutbild und Leberwerte und klarer Interaktionsprüfung (v. a. Metronidazol, Antiepileptika, Lebermedikation).
- Erwartungsmanagement: als experimenteller Zusatz, nicht als Ersatz für bewährte Therapien.
Wenn Sie mir sagen, welche Krebsart (und ob es um Ergänzung zu Chemo/Immuntherapie/Bestrahlung geht), kann ich die Evidenz gezielt nach Tumorfamilie/Setting ordnen und die wichtigsten klinischen Pro-/Contra-Punkte strukturieren.
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