Stell dir deinen Körper wie ein Tal vor. Ein Tumor ist dann nicht nur „ein Stein“, den man herausbricht – sondern oft ein Bauprojekt, das sich genau dort ausbreitet, wo der Untergrund weich ist: chronische Entzündung, gestörter Zuckerstoffwechsel, Schlaf-/Rhythmus-Chaos, Stresshormone, Nährstofflücken. Moderne Onkologie spricht dafür immer häufiger von Tumor-Mikroumgebung und metabolischer Reprogrammierung.
Und ja: Krebszellen sind Meister darin, Energie zu beschaffen. Viele nutzen Glukose auffällig stark (Warburg-Effekt), aber sie können auch umschalten – z. B. auf Glutamin oder Fettsäuren. Deshalb ist „Zucker entziehen = Krebs verhungert“ zu simpel. Trotzdem ist der Grundgedanke richtig: Du kannst das Spielfeld verändern, auf dem Krebs leichter oder schwerer spielt.

Metabolische Gesundheit: Warum Insulin & IGF-1 mehr sind als nur „Diabetes-Themen“
Wenn Insulin chronisch hoch ist (oder der Körper insulinresistent wird), dann ist das nicht nur eine Blutzuckerfrage – es ist ein Signalfeuer für Wachstum, Zellteilung, Entzündung und Reparaturprogramme. Insulin und der verwandte Wachstumsfaktor IGF-1 hängen in zentralen Signalwegen (u. a. PI3K/AKT, MAPK), die Tumorbiologie beeinflussen können.
Auch auf Bevölkerungsebene wird dieses Muster sichtbar: Metabolisches Syndrom (Bauchfett, hoher Blutdruck, hohe Triglyceride, niedriger HDL, gestörter Zuckerstoffwechsel) ist in großen Übersichtsarbeiten mit höherem Risiko für mehrere Krebsarten und teils schlechteren Verläufen assoziiert. Das beweist nicht automatisch Kausalität – aber es zeigt, wie stark „der Boden“ mitspielt.
Autophagie: Das „Zell-Recycling“ – hilfreich, aber nicht romantisieren
Autophagie wird gern als „zellulärer Frühjahrsputz“ verkauft. Das stimmt teilweise: Bei Nährstoffknappheit schaltet die Zelle in einen Modus, in dem beschädigte Bestandteile abgebaut und wiederverwertet werden. Das kann Entzündungsdruck senken und Reparaturprogramme fördern.
Aber: In der Krebsbiologie ist Autophagie eine zweischneidige Klinge. Früh kann sie vor Tumorentstehung schützen – später können Tumorzellen Autophagie nutzen, um Stress (z. B. Sauerstoffmangel, Therapie) zu überleben. Darum ist „Autophagie hochfahren“ nicht automatisch „gut gegen Krebs“.
Autophagie ist ein Werkzeug. Entscheidend ist Timing, Kontext, Tumorart, Ernährungszustand.
Time-Restricted Eating (TRE) Fasten: Was wir wirklich belegen können – und was noch offen ist
Was TRE solide kann (metabolisch & rhythmisch)
Zeitlich begrenztes Essen (z. B. 10–12 Stunden Essfenster) kann bei vielen Menschen Insulinsensitivität, Blutfette, Blutdruck und circadiane Stabilität verbessern – teils auch unabhängig von Gewichtsverlust.
Die Krebsrelevanz kommt über zwei Brücken:
- Insulin/IGF-1 & Entzündung runterregulieren (potenziell weniger „Wachstumswetter“).
- Circadiane Ordnung stärken (Schlaf, Kortisolrhythmus, Immunrhythmus).
Was TRE in Krebs-Kontext bisher zeigt
Die klinische Datenlage ist noch im Aufbau. Reviews zu TRE bei Menschen mit Krebs berichten vor allem: machbar, akzeptabel, Hinweise auf Lebensqualität und einzelne Marker – aber noch zu wenig harte Endpunkte (Rezidiv, Überleben) für klare Aussagen.
Ein spannender, praxisnaher Bereich ist cancer-related fatigue (Fatigue nach/unter Therapie): Hier laufen/entstehen Studien, weil Rhythmus + Stoffwechsel als Hebel plausibel sind.
TRE ist derzeit eher ein Supportiv-Hebel (Energie, Rhythmus, Stoffwechsel), weniger ein „Krebsheil-Hack“.
Fasting / Fasting-Mimicking Diet (FMD) rund um Chemo: die interessantesten Daten – mit ehrlicher Einordnung
Hier ist die Evidenz inzwischen greifbarer, aber weiterhin differenziert:
A) Verträglichkeit & Nebenwirkungen (Supportiv)
- Kurzzeitfasten wurde in kleinen Studien als machbar beschrieben und teils mit weniger Fatigue / besserer Lebensqualität in Zusammenhang gebracht.
- Eine frühe Fallserie (10 Fälle) berichtete, dass Patient:innen freiwillig um Chemo fasteten und subjektiv Nebenwirkungen reduziert wahrnahmen – das ist Anekdote, aber historisch relevant.
B) Wirksamkeit (Tumoransprechen) – noch kein Freifahrtschein
- Die randomisierte Phase-II-Studie (DIRECT) in HER2-negativem Brustkrebs untersuchte FMD um neoadjuvante Chemo. Die Ergebnisse sind komplex; insgesamt wird das Feld als „vielversprechend, aber noch nicht endgültig“ bewertet – Studiendesign, Adhärenz und Kombinationen sind entscheidend.
- Neuere randomisierte Daten (z. B. 2024 RCT) berichten Sicherheit/Verträglichkeit und Vorteile bei Toxizität/Metabolik – aber auch hier gilt: nicht jede Tumorart, nicht jede Situation, nicht jedes Ziel.
C) „Erfolgsfälle“ / außergewöhnliche Remissionen (signal-seeking)
- Eine Subanalyse eines Phase-Ib-Kontexts berichtete außergewöhnliche Tumorantworten bei wenigen Patient:innen, die zyklische FMD mit Standardtherapien kombinierten. Wichtig: Das sind Signal-Daten, kein Beweis für allgemeine Wirksamkeit – aber es zeigt, warum Forschende dranbleiben.
- In Cancer Discovery wurde gezeigt, dass zyklische starke Kalorienrestriktion (FMD-ähnlich) bei Krebspatient:innen sicher sein kann und metabolische Marker (Glukose, Wachstumsfaktoren) verändert.
Fasten/FMD ist keine One-size-fits-all-Strategie. Bei Untergewicht, Sarkopenie, Kachexie oder Essproblemen kann es schaden. Priorität ist dann: Substanz, Protein, Muskel – der „Fluss braucht Ufer“, sonst reißt er alles weg.
Ultra-Processed Foods, Zucker & Entzündung: Warum „Qualität“ oft stärker ist als Makro-Religion
Du hast es treffend beschrieben: Ultra-processed Foods (UPF) korrelieren in großen Kohorten und Meta-Analysen mit höherem Krebsrisiko (je nach Lokalisation unterschiedlich). Das ist Beobachtungs-Evidenz – aber konsistent genug, dass es in Reviews und großen Datensätzen ernst genommen wird.
Zusätzlich gibt es kontrollierte Humanstudien, die zeigen, dass UPF über das „nur Kalorien“-Argument hinaus Probleme machen kann:
- Ein kontrollierter inpatient Crossover-Trial zeigte, dass ultraverarbeitete Kost zu mehr spontaner Energieaufnahme und Gewichtszunahme führte – obwohl Mahlzeiten vergleichbar geplant waren.
- 2025 publizierte Cell-Metabolism-Daten untersuchten UPF unter kontrollierten Bedingungen und berichten u. a. Veränderungen in metabolischen/reproduktiven Markern und Exposition gegenüber Stoffen wie Phthalaten (je nach Design/Interpretation ein weiterer Hinweis, dass „Verarbeitung“ biologisch zählt).
Und ganz aktuell wird das UPF-Thema sogar mit frühen Darmkrebs-Vorstufen in Verbindung gebracht (Adenome bei <50), was die Diskussion um Mikrobiom, Entzündung und Industrie-Food weiter anheizt.
Wenn du nur eine Ernährungs-Schraube drehst: UPF runter, echte Nahrung rauf. Das ist der breiteste, robusteste Hebel.
Praxis-Kern: Ein „metabolischer Fahrplan“ im Stil deines Krebsleitfadens
Schritt 1: Messen statt Raten (dein Ursachenforschung-Mindset)
Lass dir (oder dir selbst) eine Stoffwechsel-Landkarte bauen:
- Nüchterninsulin, HbA1c/Glukose, Triglyceride/HDL, CRP (Entzündung), Leberwerte, Vitamin-D (kontextualisiert), Ferritin/Transferrin (Entzündung vs Eisen), ggf. HOMA-IR.
Das ist kein Ersatz für Onkologie – es ist das Geländeprofil.
Schritt 2: Rhythmus zuerst – TRE „sanft“ denken
Für viele ist 12/12 (12h Essfenster, 12h Nachtpause) der realistischste Start. Nicht heroisch, sondern stabil. Wenn es gut läuft: 10/14 – idealerweise eher früher am Tag (circadian).
Schritt 3: Nahrung als Anti-Entzündungs-Architektur
- Hauptregel: weniger UPF, mehr unverarbeitete Lebensmittel.
- Dazu: ausreichend Protein und Mikronährstoffe (gerade nach Therapien), damit der Körper nicht „auf Kredit“ regeneriert.
Schritt 4: Autophagie nicht jagen – sondern Rahmen schaffen
Autophagie entsteht oft als Nebenprodukt von: Schlaf, Rhythmus, Bewegung, weniger Dauer-Snacking. Aber: nicht auf Kosten von Gewicht/Muskel.
Schritt 5: Kombination statt Glaubenskrieg
Das ist die Brücke „Schulmedizin + Systemmedizin“:
- Therapie bleibt Therapie.
- Stoffwechsel-Stabilisierung ist das Support-Ökosystem, das Nebenwirkungen, Entzündung, Energie und ggf. Therapie-Antwort beeinflussen könnte (je nach Kontext).
Sicherheitsgeländer (bitte nicht überspringen)
Fasten/TRE kann riskant sein bei: Untergewicht, Tumorkachexie, Essstörungen, unkontrolliertem Diabetes, bestimmten Medikamenten (v. a. blutzuckersenkend), Schwangerschaft, schweren Infekten – und oft auch während intensiver Therapiephasen ohne enges Monitoring. Bitte immer mit Onkologie/Ernährungsmedizin abstimmen, besonders wenn Gewicht/Muskel bereits gefallen sind.
- Presse: Über 450 Presseveröffentlichungen in Magazinen & Onlineportalen
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