Stell dir deinen Körper wie einen Fluss vor.
Solange die Strömung stimmt, trägt er dich: Energie, Muskelkraft, Appetit, Lebenslust.
Doch bei fortgeschrittenem Krebs passiert bei vielen etwas, das sich anfühlt, als würde der Fluss plötzlich in ein Geröllfeld kippen: Der Körper verliert Gewicht – nicht „ein bisschen“, sondern manchmal brutal schnell. Muskeln schmelzen. Fett verschwindet. Und irgendwann sieht man es im Gesicht, in den Schultern, im Gang.
Das ist nicht nur ein kosmetisches Thema. Das ist Überlebensbiologie.
Die Medizin nennt dieses Syndrom Krebs-Kachexie: ein krankheitsgetriebener Verlust von Muskelmasse (oft auch Fett), der sich durch „mehr essen“ allein meist nicht mehr einfangen lässt. Es betrifft je nach Tumorart und Stadium grob 50–80 % der Betroffenen und hängt mit einer deutlich schlechteren Therapieverträglichkeit und Prognose zusammen. In vielen Arbeiten wird Kachexie sogar mit rund 20 % der krebsbedingten Todesfälle in Verbindung gebracht.
Und jetzt kommt die spannende Wendung:
Ein Team um Xinli Hu und Rui-Ping Xiao (Peking University) hat in Nature Metabolism (März 2024) einen möglichen Schlüsselmechanismus beschrieben: erhöhte Laktatwerte könnten nicht nur „mitlaufen“, sondern mit antreiben, dass der Körper in diesen Abbau-Modus kippt.

Laktat: Nicht nur „Abfall“, sondern ein Signal
Die meisten kennen Laktat aus dem Sport: Brennende Beine, hohe Belastung.
Aber Laktat ist nicht einfach Müll. Es ist auch ein Botenstoff, der an Rezeptoren bindet und Stoffwechselprogramme anschalten kann. (Der wichtigste Rezeptor dafür heißt GPR81 / HCAR1.)
Und genau hier setzen die Forschenden an.
Was die Studie gefunden hat (verständlich übersetzt)
1) Bei Kachexie: Laktat im Blut steigt – und zwar mit dem Gewichtsverlust
In Daten von Menschen (u. a. Lungenadenokarzinom) und mehreren Mausmodellen zeigte sich:
Je höher das zirkulierende Laktat, desto stärker der Gewichtsverlust.
2) Laktat allein konnte bei tumorfreiem Tier Kachexie-artige Veränderungen auslösen
Das ist der provokante Teil: In den Experimenten reichte eine kontinuierliche Laktat-Zufuhr, um Abbauprozesse anzustoßen – sogar ohne Tumor.
3) Der „Schalter“ saß im Fettgewebe: GPR81
Laktat dockte an GPR81 im (weißen) Fettgewebe an.
Das setzte eine Signalkaskade in Gang (Gi → Gβγ → RhoA/ROCK1 → p38), die thermogene und lipolytische Programme hochfuhr – der Körper „verheizt“ und baut ab.
4) Wenn GPR81 fehlte, war der Abbau deutlich gebremst
Knockout-Mäuse (bzw. fettgewebespezifische Knockouts) waren viel besser geschützt vor Fett- und Muskelverlust – obwohl das Laktat durch den Tumor weiterhin erhöht war.
Und warum ist Laktat bei Krebs oft erhöht?
Hier kommt der bekannte Warburg-Effekt ins Spiel: Viele Tumoren nutzen vermehrt aerobe Glykolyse (Zucker „schnell verfeuern“) und produzieren dabei mehr Laktat – selbst wenn Sauerstoff vorhanden ist.
Das passt ins Bild: Der Tumor verändert den Stoffwechsel wie ein Nebenfluss, der plötzlich giftiges Wasser einleitet – und der Hauptfluss reagiert im ganzen Landstrich.

Kritische Einordnung: Hoffnung, ja – aber kein Freifahrtschein
Eine Onkologin (Marina Kreutz, UK Regensburg) ordnet sinngemäß ein:
Laktatwerte im Tumorumfeld korrelieren seit Jahren häufig mit schlechter Prognose – u. a. wegen Immunsuppression. Aber ob Blut-Laktat hier wirklich Ursache oder nur Marker hoher Tumorlast ist, muss in größeren, vielfältigeren Patientenkollektiven geklärt werden.
Und wichtig (damit niemand in die falsche Richtung rennt):
Erhöhtes Laktat kann auch viele andere Gründe haben (Infektion, Sauerstoffmangel, Leberprobleme, Medikamente, akute Belastung). Der Kontext entscheidet.
Die Ampel: Was du heute daraus ableiten kannst (ohne Hype, ohne Angst)
🟢 Grün – sofort sinnvoll (Mainstream & ganzheitlich Hand in Hand)
- Früh ernst nehmen, nicht wegreden: Ungewollter Gewichtsverlust ist ein Alarmsignal – nicht „normal bei Krebs“.
- Muskeln sind ein Organ: Kraft, Griffstärke, Treppensteigen = echte Marker. Kachexie heißt nicht „zu wenig Disziplin“, sondern Stoffwechsel-Umprogrammierung.
- Früh Support holen: Ernährungsmedizin/Onko-Diätologie + Physio/angepasstes Krafttraining + Entzündungsmanagement + Schlaf. (Das ist oft der Unterschied zwischen „Therapie aushalten“ und „Therapie überleben“.)
🟡 Gelb – spannend, aber (noch) Forschung / individuell
- Metabolische Diagnostik als Landkarte: Laktat kann ein Puzzleteil sein – aber nicht allein. Sinnvoller ist oft ein Muster aus Gewichtskurve, Entzündungsmarkern, Proteinstatus, Appetit, Aktivität, Tumorlast.
- GPR81 als Zielstruktur: Klingt logisch, ist aber kein klinischer Standard. Das ist ein Forschungsfeld, kein Rezept.
🔴 Rot – bitte nicht daraus basteln
- „Laktat senken um jeden Preis“ als Selbsttherapie (ohne Team/Indikation) – gefährlich.
- Fasten/harte Kalorienrestriktion bei bereits einsetzender Kachexie: Kann den Abbau weiter beschleunigen. (Metabolische Strategien müssen zur Phase passen.)
Mein Kern-Übersetzer: Was diese Forschung wirklich sagt
Sie sagt nicht: „Du musst nur Laktat senken.“
Sie sagt: Kachexie ist ein aktives Programm – und möglicherweise gibt es einen klareren Schalter im System als wir dachten.
Und das ist psychologisch wichtig:
Viele Betroffene tragen heimlich Schuld: „Ich schaffe es nicht, zuzunehmen.“
Nein. In vielen Fällen kämpfst du nicht gegen Appetit – du kämpfst gegen eine biologische Umleitung, die Energie abzieht und Gewebe abbaut.
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