Deine Nikolausgeschichte – etwas fürs Herz
In dieser Nikolausnacht,
wenn draußen der Wind an die Fenster klopft und irgendwo ein leises Glöckchen klingelt, beginnt eine alte Geschichte neu erzählt zu werden.
Es ist die Geschichte einer kleinen Quelle hoch oben in den Bergen – und der Frau mit dem Namen einer Blume.

Ganz weit oben, dort, wo der Himmel manchmal die Berge küsst, lag einmal eine winzige Quelle im Schatten eines Felsens.
Sie war so klein, dass kaum jemand sie bemerkte.
Ihr Wasser war klar, aber müde.
Zu viele Jahre lang hatten schwere Regenschauer auf das Land herniedergeprasselt,
hatten Geröll in ihr Bett gespült und sie trüb gemacht.
Die Wolken über diesem Land waren dicht.
Sie brachten Stürme, die man „Schicksal“ nannte:
Körper, die nicht mehr so wollten wie das Herz,
eine Leber, die wie ein überarbeiteter Fluss war –
voll, angestrengt, immer kurz davor, über die Ufer zu treten.
Und die Wege, die von dieser kleinen Quelle wegführten,
führten immer wieder über brüchige Brücken.
Brücken aus falschen Versprechungen,
aus Beziehungen, die sich erst warm anfühlten
und dann wie kalter Regen im Nacken.
Jedes Mal, wenn eine dieser Brücken einstürzte,
fiel ein Stück Vertrauen in die Tiefe.
Die kleine Quelle glaubte irgendwann,
sie sei dazu bestimmt, allein im Schatten zu bleiben.
Vielleicht, dachte sie, bin ich einfach kein großer Fluss.
Vielleicht bin ich nur ein kleines Rinnsal, das niemand vermisst.

Jahre vergingen.
Eines Tages, ohne ersichtlichen Grund,
begann es im Inneren der Quelle leise zu leuchten.
Es war, als hätte ein unsichtbarer Nikolaus
ihr heimlich ein Licht in die Tiefe gelegt –
ein Versprechen, dass da noch etwas kommt.
Dieses Licht flüsterte:
„Geh. Beweg dich. Vertraue. Es wartet jemand auf dich.“
In einer anderen Stadt, weit unterhalb der Berge,
stand eine Frau zwischen weißen Stoffbahnen und Blumenbögen.
Es roch nach Rosen, nach Kaffee, nach frisch polierten Böden –
eine Hochzeitsmesse im Jahr 2016.
Sie war dort, ohne wirklich zu wissen, warum.
Als hätte sie jemand sanft an den Händen genommen
und dorthin geführt.
Zwischen glänzenden Ringen, Spitzenkleidern
und funkelnden Lichtern ging sie langsam durch die Gänge.
Eine Frau wie eine Blüte,
die selbst an grauen Tagen Farbe in die Welt malt.
Sie kannte ihre eigenen Tiefen,
ihre eigenen Stürme,
ihre eigenen Abschiede.
Auch in ihrem Leben hatte es Brücken gegeben,
die nicht hielten, was sie versprachen.
Menschen, die kamen wie Sonnenschein
und gingen wie ein Gewitter.
Und doch war da ein stiller Mut in ihr.
Ein leises: „Ich glaube trotzdem an das Gute.“

An diesem Tag trafen sich Quelle und Blume,
ohne Felsen, ohne Flussbett –
sondern zwischen Messeständen, Flyern und Trauringen.
Er stand da, noch mit den Spuren alter Regenschauer im Herzen,
mit einer Leber, die Geschichten kannte von Überlastung und Neuanfang.
Sie stand da, mit Augen, in denen sich ganze Wälder spiegeln konnten.
Als sich ihre Blicke fanden,
war es, als würde jemand den Vorhang zur Seite ziehen
und zum ersten Mal fiel Sonnenlicht direkt auf die kleine Quelle.
Der Moment war still und gleichzeitig gewaltig.
Kein Feuerwerk, kein Donner –
nur dieses leise, unaufdringliche Wissen:
„Da bist du ja.“
In diesem Augenblick wurde die Quelle zur Ursprungslinie eines großen Flusses.
Unsichtbar entstand eine Brücke
zwischen zwei Ufern, die lange nach jemandem gesucht hatten,
der wirklich bleibt.
Von diesem Tag an veränderte sich das Land.
Das Wasser begann zu fließen – erst zögerlich,
dann mutiger, dann lachend.
Mit jedem Lächeln, das ihr entkam,
wurde der Fluss klarer.
Mit jedem gemeinsamen Abend,
mit jedem Gespräch bis tief in die Nacht
wurden Steine aus dem Flussbett geräumt.
Sie gingen zusammen in die Natur,
als würden sie Stück für Stück
eine vergessene Landkarte ihres Lebens wiederentdecken.
Sie folgten Wegen durch Wälder,
in denen das Licht wie goldene Fäden durch die Blätter fiel.
Sie berührten Bäume,
die schon Stürme gesehen hatten und trotzdem standen.
Sie blieben staunend vor Wasserfällen stehen,
deren Donnern sie daran erinnerte:
Aus einer kleinen Quelle kann etwas Großes werden,
wenn man ihr Zeit gibt und Liebe.
Berge säumten ihre Reisen,
wie wache Riesen,
die über sie wachten.
Jeder Gipfel, den sie gemeinsam sahen,
war wie ein Beweis:
Wir kommen höher hinauf,
weil wir uns gegenseitig die Hand reichen.

Mit der Zeit zog nicht nur Natur in ihr gemeinsames Leben ein,
sondern auch Genuss.
Es gab Abende,
an denen der Tisch zu einem kleinen Fest wurde:
gutes Essen,
Gläser, die leise aneinanderklangen,
Lachen, das durch die Wohnung strömte
wie ein warmer Sommerwind.
Freunde kamen dazu,
Nachbarn wurden zu Weggefährten.
Man saß zusammen,
teilte Geschichten, Brot und Zeit.
Und wie jeder Fluss,
der sich seinen Weg bahnt,
lernten sie auch,
wo sie nicht mehr entlangfließen wollten.
Enttäuschungen wurden erkannt,
Menschen, die mehr Schatten als Licht brachten,
durften ans andere Ufer wechseln.
Die Brücken zu ihnen wurden nicht bösartig zerstört –
sie wurden einfach nicht mehr benutzt.
So blieb mehr Kraft
für die Wege, die sich wirklich lohnten.
Die Gesundheit, einst so verletzlich wie ein überlastetes Flussbett,
fand neue Kraft in ihrem gemeinsamen Rhythmus.
Da war nun jemand,
der mit hinsah,
der mitfühlte,
der sagte:
„Wir achten auf dich,
auf deinen Körper,
auf dein Herz.
Wir achten auf uns.“
Die alte Lebergeschichte wurde Teil ihrer Landkarte,
kein Makel, sondern eine Erinnerung:
Wie wichtig es ist,
dass das Leben wieder fließt –
nicht gegen sich selbst,
sondern mit sich.
Und irgendwo auf dieser Reise,
wurde aus der kleinen Quelle
ein großer Wasserfall.

Nicht von einem Tag auf den anderen.
Es war ein Wachsen,
ein immer wieder neu Entscheiden:
für Liebe,
für Ehrlichkeit,
für gemeinsame Wege,
für Genuss und Stille,
für Abenteuer und Ankommen.
Der Wasserfall ist ihr heute:
wenn ihr zusammen lacht,
bis euch die Tränen kommen.
Wenn ihr Hand in Hand
einen Bergweg hinaufgeht
und der Wind eure Sorgen mitnimmt.
Wenn ihr morgens in die Augen des anderen schaut
und denkt:
„Danke, dass du hier bist.“
Er rauscht,
wenn ihr zwischen Blumen sitzt,
wenn ihr am Wasser steht,
wenn ihr Pläne schmiedet,
wenn ihr einfach nur schweigend nebeneinandersitzt
und wisst:
„Das ist unser Leben.“
In der Nikolausnacht,
wenn die Welt leise wird
und irgendwo Stiefel vor Türen stehen,
sitzt ein Mann da
und denkt an die Frau,
die seine Quelle in einen Wasserfall verwandelt hat.
Er denkt an all die Tiefen,
durch die sie beide gegangen sind,
bevor sie sich fanden.
An die heftigen Niederschläge,
an die Krankheiten,
an die falschen Brücken und die falschen Wege.
Und dann schaut er auf das Jetzt:
auf die Reisen,
die Natur,
die Berge und Wälder,
auf Wasser, das wie flüssiges Licht über Steine tanzt,
auf Freunde, Nachbarn,
auf duftendes Essen,
auf geteilten Genuss.
Vor allem aber schaut er auf dich, auf die Frau,
die zur Blume an seinem Flussufer wurde –
zart und stark zugleich,
verwurzelt und doch offen für jedes neue Abenteuer.

Vielleicht ist das wahre Nikolausgeschenk in diesem Jahr
keine Schokolade,
kein Mandarinen-Duft
und keine Nüsse im Stiefel.
Vielleicht ist es diese einfache,
tiefe Wahrheit:
Dass aus einer müden, kleinen Quelle
ein großer, lebendiger Wasserfall werden konnte,
weil du da bist.
Weil du geblieben bist.
Weil du vertraut hast.
Weil du geliebt hast.
Weil Du einfach liebst.
Und irgendwo,
zwischen Bergen, Blumen, Wasserfällen und Brücken,
schreibt das Leben leise weiter
an eurer gemeinsamen Geschichte –
Seite für Seite,
Welle für Welle,
Tag für Tag.

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